Montag, 7. Mai 2007
umgang mit ärger, ein erster hinweis
es ist mir peinlich, dass leute wegen meiner fragen zu ärger und wut über dieses blog gestolpert sind. und da stehen dann nur fragen da. und keine antworten.

besonders interessierte mich damals, was aus christlicher tradition dazu gesagt wird. nun habe ich endlich mal den sogenannten „praktikos“, eine schrift des euagrios pontikos (4. jh.), gelesen (siehe die ausgabe bei amazon.com). dort verarbeitet euagrios (oder latinisiert: evagrius) eigene asketische erfahrungen in der wüste, nebst den gedanken seiner lehrer. in seiner sogenannten acht-laster-lehre wird auch der zorn besprochen. allerdings wäre das nicht hilfreich, hier unkommentiert seine aussagen zu referieren. es müsste für mich noch erwiesen werden – durch ausprobieren –, dass seine hinweise wirklich „helfen“.

allgemein jedoch ist ein hinweis von ihm meiner meinung nach sehr empfehlenswert. und zwar ist es der rat, die eigenen „gedanken“ (z.b. unseren ärger und unsere wut) genau zu beobachten. vielleicht kann dieses beobachten schon ein erster schritt dazu sein, einen kundigen umgang mit ärger und wut zu erlernen. er schreibt im 50. kapitel des praktikos:
    „Achten sollte er [der Asket] auf ihre [der Gedanken] Intensität, auch darauf, wann sie nachlassen, wann sie entstehen und wieder vergehen. Er sollte die Vielfalt seiner Gedanken beobachten, die Regelmässigkeit, mit der sie immer wieder auftauchen ... Dann sollte er Christus bitten, ihm all das zu erklären, was er beobachtet hat.“
kurzum: an sich selbst feldforschung betreiben. mit interesse und auch neugier.

zum beispiel: man wird vielleicht in einer situation bemerken, dass man sehr wohl sehen kann, dass aus irgendeinem grund (den man nicht erkennt) sich ein gefühl von ärger anbahnt. und dass es dann einen punkt geben kann, wo man dann tatsächlich „mit der faust auf den tisch haut“. - dann (nicht mit dem beobachten aufhören!): was geht dann weiter im kopf ab? ist da ein neuer ärger, weil man es nicht geschafft hat, ärger nummer eins gedeckelt zu haben? etc. (auch da immer weiter seine gedanken weiter beobachten!) etc.

oder: man wäscht gerade ab. und dann erinnert man sich an eine situation, in der jemand einen verletzt hat. im kopf webt sich ein neuer fiktiver dialog zusammen – mit sachen, die man gern in der situation gesagt hätte. (was passiert da körperlich?) und man lässt in seinem kopf immer und immer wieder dieselbe szene sich abspielen. (wie ist der atem jetzt?) etc.

wozu solche „feldforschung“? nun, wenn man mit ärger und wut umgehen möchte, muss man sie erst einmal kennen lernen. und wenn man ihre anwesenheit so genau beobachtet, kann es in manchen situationen schon eine erste erleichterung bringen, weil man so abstand von diesen gedankenformationen gewinnt, ohne diese kräfte zu unterdrücken.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Freitag, 4. Mai 2007
gathas (2)
gathas begleiten mich noch immer. nun fallen mir immer wieder dinge ein, die etwas damit zu tun haben. ich erinnere mich jetzt z.b., dass ich früher auch immer einen psalmvers still sagte, wenn ich in eine kirche ging. und der ging so:
    in deinem zelt möchte ich gast sein auf ewig,
    mich bergen im schutz deiner flügel.

    [aus psalm 61]
eine gatha möchte einem dabei helfen die frage zu beantworten: „was tue ich eigentlich gerade?“

und da es handlungen gibt, die sich jeden tag wiederholen, können sie als erinnerungspunkte benutzt werden, um zu üben, dinge achtsam und aufmerksam zu tun. und dafür könnte man sich auch mal eigene verse ausdenken und an ihnen herumfeilen. die idee des selberausdenkens ist auch bei naturewriting.com zu finden. hier ein entwurf für das ankommen in einer kirche oder kapelle und wenn man dann sitzt:
    bevor ich angekommen bin,
    ist mein körper schon da.
    selbstverständlich in der gegenwart
    ist er schon gebet.
    ich muss ihn nur noch bewohnen.
oder auch: manche menschen vergessen, wenn sie die treppen zur krypta herunter gehen, dass sie sich einem raum der stille nähern. schon der weg dorthin ist eine einladung zum schweigen und zur nicht-eile. die könnten vielleicht folgendes gebet bei jeder stufe sprechen:
    wo ich meinen fuss hinsetze,
    begegne ich dir.
    wohin sollte ich noch laufen?

... link (0 Kommentare)   ... comment


Mittwoch, 25. April 2007
internalisierte überzeugungen zu falschen zeiten
gestern beobachtete ich an mir, dass ich mich darüber freute, wie mir geglückt ist, freundlich auf anstrengende erwartungen reagiert zu haben. allerdings liess ich das sich-freuen, letztlich so eine art „stolz auf sich sein“ gar nicht richtig zu. denn der gedanke trat auf: „dass dir das geglückt ist, darfst du dir nicht selber zuschreiben! das hast du der gnade zu verdanken!“ und bekam ein schlechtes gewissen. - letztlich wies ich dieses schlechte gewissen wieder ab. warum nicht froh sein, wenn eine situation gemeistert wurde? warum nicht klar erkennen, wieweit man selber handeln kann, „etwas schaffen kann“, und wo nicht mehr. wie hinderlich doch internalisierte überzeugungen zu falschen zeiten für die vertiefung geistlicher praxis sein kann! - ist das nachvollziehbar?

... link (0 Kommentare)   ... comment


Freitag, 20. April 2007
fragen zum umgang mit ärger und wut
  1. erinnerst du dich an einen gelungenen umgang mit ärger oder wut?
  2. erinnerst du dich an einen misslugenen umgang mit ärger oder wut?
  3. hast du eine idealvorstellung wie man mit ärger oder wut umgehen sollte? und hast du selbst erlebt, dass es geklappt hat?
  4. was sagt deine religiöse oder spirituelle tradition zum thema ärger und wut?
  5. gibt sie hilfestellung für den umgang damit?
  6. wie gehst du selber mit ärger um? was machst du, wenn du wütend bist?
mich interessieren diese fragen wirklich. es ist offensichtlich, dass in der christlichen tradition keine effektiven strategien für den umgang mit unangenehmen gefühlen beigebracht werden. wo sind die lehrer und lehrerinnen in christlicher tradition, die da etwas zu sagen haben? und was ist das grösste problem (in christlicher tradition), das uns hindert, effektiv mit unangenehmen gefühlen umzugehen?

[nachtrag: siehe dazu auch einen neuen eintrag auf diesem blog.]

... link (0 Kommentare)   ... comment


Freitag, 13. April 2007
das nicht-üben üben
ja, aufmerksam gehen üben, achtsam sitzen üben, gesammelt psalmodieren üben, gut abwaschen üben, alles das ist nötig. aber auch das nicht-üben üben. was meine ich damit?

letztes jahr gab es gelegentlich den fürchterlichen spruch zu hören: „nimm es als geistliche übung.“, wenn einem z.b. aufgegeben wurde, einen haufen von kopien zu machen. das hat mich immer wütend gemacht. nee, wenn ich einen haufen kopien machen soll, möchte ich das bitte einfach machen und es nicht spirituell vebrämen. ist kopieren oder jegliche andere arbeit, die getan werden muss, mehr wert, wenn man sie als „geistliche übung“ vollzieht? nein. man muss es so tun, wie man es eben tut. und so übt man das nicht-üben und trägt dazu bei, dass alles so getan wird, wie es getan werden will und alles an seinem rechten ort ist.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Donnerstag, 12. April 2007
üben
am ostermontag sind v. und a. ihren je eigenen nächsten schritt gegangen. da wir uns in dieser woche so was wie urlaub gönnen, tritt noch nicht zutage, was das für das normale alltägliche leben im ansverus-haus bedeutet, wenn wir in der geistlichen hausgemeinschaft nur noch zu zweit sind. wir werden sehen.

in den wochen vor ostern ist mir deutlich geworden, wie wichtig es ist, sich umfür sich selbst zu sorgen. es gibt keine sicherheiten aussen. und innen gibt es auch keine sicherheiten ausser der zufluchtnahme zu christus. in der vergangenheit gibt es keine sicherheiten, in der zukunft gibt es keine sicherheiten. nur in dem, was jetzt ist, ist einem einiger spielraum gegeben, um zu erfahren, dass man angekommen ist, dass man zu hause ist, dass alles schon an seinem geeigneten ort ist.

und diese erfahrung übt man ein durch gehen üben, sitzen üben, psalmodieren üben, abwaschen üben – überhaupt einfach indem man immer übt, immer wach und aufmerksam bei der sache zu sein, die man gerade tut.

von gathas, verse, die deine aufmerksamkeit aufrufen, habe ich ja schon einmal gesprochen. in den „heiligen drei tagen“ hatte ich zu meiner überraschung auch zeit für mich selbst, und so konnte ich gehen üben und mich bei meinen schritten von folgenden versen begleiten lassen:
    i have arrived.
    i am home.
    in the here.
    in the now.
das ist keine blosse idee, das hat nichts damit zu tun, sich etwas einzureden. es ist eine einsicht in diesen worten. wo hat der mensch sonst ein beschütztes zuhause als im gegenwärtigen, in dem, was jetzt schon ist?

eine andere wunderbare gatha, die mit unserem alltag viel zu tun hat ist:
    Washing the dishes is like bathing a baby Buddha.
    The profane is the sacred.
    Everyday mind is Buddha’s mind.

    [Thich Nhat Hanh and the Monks and Nuns of Plum Village, Chanting from the heart, Parallax Press, p. 36.]

... link (0 Kommentare)   ... comment


Freitag, 23. März 2007
gathas
eine gatha ist in der buddhistischen tradition ein kurzer spruch, der einer handlung vorausgeht und deine aufmerksamkeit zu dem geschehen ruft, das sich gleich ereignen soll. zum beispiel bevor man den telephonhörer abnimmt:
    Worte können Tausende von Kilometern reisen.
    Mögen meine Worte gegenseitiges Verständnis und Liebe bewirken.
    Mögen sie so schön sein wie Juwelen,
    so wundervoll wie Blumen.

    [Thich Nhat Hanh, Das Herz von Buddhas Lehre, S. 94]
gestern fiel mir auf, dass ich selbst so etwas kenne. in der zeit als ich noch orgel gespielt habe, sagte ich auch eine „gatha“, bevor ich den orgelmotor anschaltete. ich sagte nämlich:
    der wind weht, wo er will.
    du hörst sein brausen,
    weisst aber nicht, woher er kommt und wohin er geht.

    [joh 3]
und dann drückte ich auf den einschaltknopf und hörte die luftbewegung vom orgelmotor. und dann fing ich an zu üben. oder mir fällt auch ein, dass wir in der sakristei ein büchlein haben, wo schriftsprüche drin stehen, die man beim anlegen der liturgischen gewänder sagt: beim halsschultertuch, bei der albe, beim zingulum, bei der stola. oder dann gibt es auch den vers „herr, öffne meine lippen – damit mein mund dein lob verkünde.“, mit dem wir unser psalmengebet am morgen beginnen. das sind sozusagen christliche gathas.

eine eher allgemein gehaltene christliche gatha wäre wohl der satz „im namen des vaters und des sohnes und des heiligen geistes.“ aber dieser „spruch“ spricht nicht konkret an, zu was für einem ereignis unsere aufmerksamkeit aufgerufen wird. und das scheint mir die absicht von gathas zu sein: einen wach zu machen für das, was man eigentlich gerade tut, um ganz bei dieser einen sache zu sein, die gerade geschieht.

wer weiss, vielleicht entdecken wir in der eigenen tradition noch mehr solcher gathas. und noch spannender wäre es, wenn solche gathas sich auf alltägliche handlungen beziehen würden, damit wir nicht nur in „sonder-“zeiten (gottesdienst, gebetszeit etc.) üben, aufmerksam dort zu sein, wo wir gerade sind, sondern auch im alltag.

eine auswahl von gathas von thich nhat hanh bei riversangha.org.

[lese gerade mit interesse über den buddhismus – einfach so. eine gute einführung scheint mir oben genanntes buch von thich nhat hanh zu sein, in welchem deutlich wird, dass es sich beim buddhismus um einen übungs- und erfahrungsweg handelt und nicht um gedankenkonzepte.]

noch 16 tage bis ostern.

... link (0 Kommentare)   ... comment