Montag, 23. April 2007
lesen und leben
wohlmeinende nette menschen haben mir letzten montag, gleich zum erscheinungstag, das „neue jesusbuch“ (von joseph ratzinger/benedikt xvi.) geschenkt. jetzt brauchen mich also keine rezensionen darüber mehr interessieren, sondern ich kann es gleich selber lesen. (zu „rezension“: derzeit blättere ich auch mal in kindlers literatur-lexikon: diese über zwanzig bände sind bücher, die von büchern handeln. warum gibt es in der welt so viele bücher über bücher?)

zum (selber-)lesen: da habe ich seit einiger zeit den eindruck, dass ich nicht mehr so aufmerksam lese wie früher. ich bin nicht mehr uneingeschränkt bereit, fremde inhalte so zu speichern, wie es für sie angemessen ist. ich lese „einfach so“, und es kann passieren, dass, wenn ich die seite umgeblättert habe, schon vergessen ist, was gesagt wurde. „was für mich wichtig ist, wird sich mir schon einprägen.“, so hoffe ich. in diesem zusammenhang interessiert mich, was wir wirklich wissen, wenn wir solche speichermedien wie buch oder computer oder internet nicht hätten. was wissen wir wirklich? was von all dem, was wir lesen, wird zu unserer eigenen erfahrung? was von all dem, was uns an „ideen“ vermittelt wird, gewinnt in unserem leben anfassbare gestalt?

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Dienstag, 5. Dezember 2006
podcastgeleitete schriftbetrachtung und reflektion
pastor sändy hat darauf aufmerksam gemacht: pray as you go ist ein podcast von englischen jesuiten: für 10-15 minuten wird man in einer reflektion geführt. die biblischen texte sind der katholischen leseordnung entnommen. diese woche: lesungen aus dem jesajabuch. eine tolle sache, die ich dankbar annehme und weiter empfehle!

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Mittwoch, 1. November 2006
um eine sprachkultur zu pflegen
an zwei studientagen brachte uns godehard joppich, der grosse gregorianikforscher, die bedeutung der neumen nahe. bevor die „melodien“ des sogenannten gregorianischen chorals notiert wurden, schrieb man nur die texte der gesänge auf, wobei darüber weitere zeichen angebracht wurden: die neumen, die nicht etwa den klangverlauf anzeigen, sondern quasi rhetorische angaben sind: welches wort soll betont werden? welche wörter sind behutsam oder bedeutsam etc. auszusprechen? wo soll ich zögern, wo schnell weiter gehen?

der bezug zur ruminatio ist offensichtlich. sich damit auseinander zu setzen, wie etwas sinnvoll gesprochen werden muss, ist die gemeinsame leitende frage. godehard joppich sagte uns, dass sein ganzes psalmenbuch voll sei mit zeichen, die ihn daran erinnern sollen, wie etwas „gesagt“ werden muss. man kann sich vielleicht vorstellen, dass damit der biblische text (der psalmen) wie ein text behandelt wird, den jemand wie ein schauspieler so vorbereitet, dass er wirklich „kunstvoll“ vorgetragen werden kann. und so fragte godehard joppich (sinngemäss): „sind wir das dem wort nicht schuldig, das wir heiliges wort nennen?“

wenn wir das „wort“ (gottes) so hoch schätzen, wie kann uns das gleichgültig sein, wie es „erklingt“, wie es neu aktiviert wird in einem klangleib, den der vorleser ihm zu geben hat?

ist es vielleicht eine gute anregung, mit einem bleistift in der hand einmal die schrift (und vielleicht vor allem die psalmen) zu lesen, laut zu lesen und zeichen zu erfinden, die uns erinnern sollen, bestimmte wörter so und so auszusprechen? wo wir leise, wo wir laut, wo wir zögernd, wo wir schneller etc. sprechen müssten?

gleichzeitig merke ich auch, wie wenig ich das sprechen kultiviere. oder eine sprachkultur. fragen:
  • wann habe ich das letzte mal ein gedicht gelesen. oder gar auswendig gelernt, um es einmal vorzutragen? warum nicht einmal den johannesprolog auswendig lernen, um ihn vorzutragen. um das wort erneut fleisch werden zu hören ...
  • was für gedichte lohnen sich, auswendig gelernt zu werden? muss mal meine freunde fragen.
  • was für im gedächtnis gespeicherte dinge könnte ich in den papierkorb schieben, um platz für gedichte zu haben, die ich auswendig lernen will?
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    Mittwoch, 25. Oktober 2006
    warum übersetzen keine dichter die bibel?
    da jemand danach fragte: also in der wikipedia steht ja, dass „beisasse“ ein mittelalterlicher begriff (neben anderen) ist für bewohner einer stadt, die kein bürgerrecht haben.

    in arnold stadlers echt packenden übertragung heisst es bei psalm 39,13:
      Hörst Du, wie ich bete?
      Erhöre mein Geschrei! Meine Tränen lassen Dich
      hoffentlich nicht ungerührt.
      Ich bin ja nur als Gast bei Dir, als Fremder,
      wie alle, die vor mir hier waren.
    arnold stadlers “die menschen lügen. alle“ und andere psalmen gibt es seit einiger zeit auch als taschenbuch. eine sehr überzeugende rezension kann man im netz hier lesen.

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    Dienstag, 24. Oktober 2006
    was an der bibel in gerechter sprache wirklich besonders ist
    1.
    nicht die prophetinnen, jüngerinnen und phariäerinnen sind die besonderheiten der übersetzung der bibel in gerechter sprache, sondern die vorgelegte offenheit der übersetzung, die ich schon vor zwei wochen angesprochen habe. dies möchte ich heute noch einmal unterstreichen.

    2.
    was einige noch nicht zu verstehen scheinen, ist dass diese übersetzung nicht mehr wie andere übersetzungen dem leser/hörer vorsetzt, was er z.b. unter „basileia“ verstehen soll. es wird ihm in einem glossar auseinandergesetzt, was alles in das bedeutungsfeld gehört. und so wird der leser ermächtigt, die elemente, die zu einem „verstehen“ des textes beitragen, selber zusammen zu bauen.

    3.
    wir reiben uns die augen und kneifen uns die ohren, denn durch dieses übersetzungsprojekt wird wie in keinem anderen deutlich: das verstehen der schrift findet im aufgerissenen raum zwischen der schrift (bzw. ihrer übersetzung) und der eigenen person statt. und erst dieser aufgerissene „zwischenraum“ macht die schrift für unser leben lebendig und wirkmächtig.

    4.
    die übersetzungen einzelner bücher liegen in der verantwortung verschiedener übersetzterinnen und übersetzer. auf eine angleichung zwischen den büchern wurde verzichtet. (so zieht z.b. die übersetzerin des matthäusevangeliums für „basileia“ die übersetzung „gottes welt“ - aber auch nicht immer - vor, während in der übersetzung des markusevangeliums dafür gerne „gottesherrschaft“ - aber auch nicht imer - gewählt wurde.) der vielstimmigkeit der biblischen bücher wurde damit rechnung getragen. während man bei einer lutherübersetzung doch gleich den eindruck haben muss: alles ist aus einem guss. (und das kann uns dann wiederum sehr schnell darin täuschen, dass die biblische botschaft auch aus einem guss sei.)

    5.
    ich will nicht verschweigen, dass es durchaus irritationen gab beim lesen. bei den psalmen „funktioniert“ das sehr gut, was versucht wurde. vielleicht liegt es daran, dass es einfach poetische texte sind. als solche vertragen sie ganz gut „experimentelle versuche“. bei den briefen – tja, da kann man wohl nicht so viel falsch machen, oder? aber bei den evangelien ist es wirklich eine herausforderung. warum? weil die darin enthaltenen „szenischen bilder“ in unserer vorstellung plötzlich mit neuen – in diesem falle tatsächlich – akteurinnen „bestückt“ werden muss. auftritt: jüngerinnen und apostelinnen.

    6.
    niemand hat behauptet, dieses übersetzungsprojekt sei abgeschlossen. frank crüsemann, mitherausgeber, sagte in einem interview (im aktuellen publik-forum, nr. 20, p. 7):
      “Wir sind uns bewusst, dass unsere Übersetzungsarbeit zeitgebunden ist. Im Grunde genommen müssten wir mit dem Übersetzen jetzt, wo wir fertig sind, gleich von vorn anfangen. (...) Das ist ein nie endender Prozess. Im Grunde darf man die Übersetzungsarbeit an der Bibel nicht für beendet erklären, denn das Leben und die Sprache entwickeln sich fortlaufend.“
    genau.

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    Samstag, 21. Oktober 2006
    lectio divina (3): ruminatio: wie klingt es? wie schmeckt es?
    die übersetzung der bibel in gerechter sprache kann sehr leicht kontrovers diskutiert werden, wenn man kategorien von richtig oder falsch ansetzen will. vielleicht ist aber die eigentliche frage: wie klingt es? bzw. wie schmeckt es (mir)? dieser frage wird in der lectio divina in der phase der ruminatio nachgegangen:

    die zweite phase der lectio divina wird häufig meditatio genannt. es ist aber hilfreicher von der ruminatio, vom wiederkäuen zu sprechen. meditatio, betrachtung, bedeutet, einen gegenstand hin und her wenden, um ihn von verschiedenen seiten anzugucken und eben zu betrachten. wenn man das so sagt, bleiben wir in unserer gewohnheit, die schrift mit unseren verstandesmässigen fähigkeiten zu traktieren. die einladung der lectio divina ist jedoch, als werkzeug nicht unseren geist zu verwenden, der mental den betrachtungsgegenstand scannen, von allen seiten abtasten und beleuchten soll, sondern unseren mund, der die worte schmecken und geniessen will.

    man muss es sich so vorstellen, dass man, wenn man sich selbst vorgelesen hat, vielleicht sogar zwei- bis dreimal, möglicherweise an einem wort oder an einem satz hängenbleibt. in der phase der ruminatio erlaubt man sich, bei diesem fragment zu verweilen. und zwar nicht vornehmlich mit unserem geist, sondern mit dem laut werden lassen der worte. dies bedeutet konkret: die wörter, die einen auf irgendeine weise angesprochen haben, nimmt man immer und immer wieder in den mund. man spricht es mal so aus, mal anders. wie muss es eigentlich ausgesprochen werden? dies findet man nur heraus, indem man es ausprobiert. so wird auch unser hören am prozess der ruminatio beteiligt. sprechen und hören – anstatt nachdenken und grübeln. so entfaltet sich das aroma der worte.
      übung 3:
    1. beginne mit dem lauten vorlesen eines abschnittes aus der schrift, wie unten erläutet.
    2. wenn dir ein wort oder ein satz aufgefallen ist, nimm es in den mund. benutze nicht deinen geist, sondern deinen mund (und höre dir dabei zu), um das wort hin und her zu wenden. sei achtsam auf den moment, wo dieses wiederkäuen verebbt und lass dann gut sein.
    3. frage dich nicht, ob es dir etwas gebracht hat, oder nicht. geh einfach zu den aufgaben des tages über.
    lectio divina (1): lesen
    lectio divina (2): heiser?

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    Montag, 16. Oktober 2006
    lectio divina (2): heiser?
    ich hatte ja eine serie über die lectio divina begonnen. wenn man die leute vorwarnt, mit denen man zusammen wohnt, irritiert das sicherlich weniger, wenn man bei der schriftlesung alleine „lesen in verteilten rollen im deutschunterricht“ spielt. bei mir stellte sich eine zufriedenheit ein, nicht gleich etwas schlaues dazu „meinen“ zu müssen. das tat mir richtig gut. allerdings wurde es schwierig, als ich eine erkältung bekam und dadurch eher dazu geneigt war, stumm zu lesen. ich redete mich damit heraus, dass ich mir ja beim stummen lesen, mir innerlich vorstellen könnte, wie es klingt ... jedenfalls: bevor es weiter geht mit der zweiten phase der lectio divina, bleiben wir doch erst einmal bei der übung des lauten vorlesens. (schliesslich habe ich ja jetzt auch die bibel in gerechter sprache zum mir selber vorlesen und „reinhören“.) bis es mit der serie weitergeht, kann man sich folgendes apokryphe jesus-wort zu eigen machen:
      Jesus sagt: „Strebt nicht nach neuem Wissen, bevor ihr nicht alles getan habt, was ihr schon wisst.“
    aus: Zwischen Welt und Wüste. Worte christlicher Araber. Aus dem Syrischen, Äthiopischen, Arabischen und Griechischen übersetzt und herausgegeben von Klaus Berger, Frankfurt a.M./Leipzig (Insel Verlag) 2006. hier seite 32, aus den unbekannten jesus-worten (agrapha).

    nebenbei: dieses jesus-wort verknüpft sich auch mit dem verständnis der lectio divina bei den wüstenvätern, das in einem ausgezeichneten essay von armand veilleux, o.c.s.o., besprochen wird.
      übung 2:
      heisse zitrone trinken (alternativ: isla-moos einnehmen) und mit übung 1 weiter machen!
    lectio divina (1): lesen

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    Donnerstag, 12. Oktober 2006
    was würdest du als erstes in der bibel in gerechter sprache aufschlagen?
    ich hab zuerst gedacht, ich würde einen psalm aufschlagen. aber dem war gar nicht so. das erste, was ich aufgeschlagen habe, waren die seligpreisungen. ich weiss nicht – wahrscheinlich denke ich, dass die seligpreisungen das herz des evangeliums sind. (früher als wir noch evangeliKAL waren, mochten wir das ja nicht so, weil wir immer fanden, dass auch nichtchristen die seligpreisungen gut finden können. von jesus als dem lehrer hielten wir früher nicht so viel ...) jedenfalls – ja, die seligpreisungen, hier, in der übersetzung der bibel in gerechter sprache:
      Jesus sah die Volksmenge an und stieg auf den Berg. Als er sich hingesetzt hatte, kamen seine Jüngerinnen (629) und Jünger zu ihm. Und er begann feierlich zu reden und lehrte sie: „Selig sind die Armen, denen sogar das °Gottvertrauen genommen wurde (630), denn ihnen gehört °Gottes Welt. Selig sind die Trauernden, denn sie werden getröstet weden. Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben. Selig sind die, die nach °Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden satt werden. Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erfahren. Selig sind die, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott sehen. Selig sind die, die für den Frieden arbeiten, denn sie weden °Töchter und Söhne Gottes heißen. Selig sind die, die verfolgt werden, weil sie die °Gerechtigkeit lieben, denn ihnen gehört Gottes Welt. Selig seid ihr, wenn sie euch um meinetwillen beschimpfen, verfolgen und böse Lügen über euch verbreiten. Freut euch und singt laut, weil euer Lohn bei Gott groß ist.“
    dabei weisen die ziffern in runden klammern auf anmerkungen hin, die in einem anhang zu finden sind. bei den wörtern, die mit ° markiert sind, findet man am rand das wort, das im ausgangstext zu finden ist. bei „°gottvertrauen“ also „pneuma“, bei „°gottes welt“ also „basileia“ etc. oder bei der stelle „töchter und söhne“ eben „hyios“, so dass deutlich wird, dass im ausgangstext eigentlich „söhne“ steht. ausserdem werden diese worte in einem glossar im anhang ausführlich kommentiert. eine schöne idee. so macht der text der bibel in gerechter sprache also transparent, was die übersetzer/innen gemacht haben. und aus einem linearen text wird fast so etwas wie ein verlinkter text.

    letzteres wird übrigens im hebräischen teil der bibel auch darin deutlich, dass dort, wo der gottesname steht, im text selbst ein vorschlag für die übersetzung grau unterlegt ist und in der kopfzeile der seite eine leiste mit weiteren vorschlägen zu sehen ist. hier z.b. psalm 130 (hier ist statt der grauen hinterlegung eine unterstreichung):
      Ein Wallfahrtslied.
      Aus Tiefen rufe ich dich, Ewiger,
      °mächtig über uns, hör auf meine Stimme!
      Aufmerksam seien deine Ohren für die Stimme meines Flehens.
      Beharrst du auf der °Schuld,
      °Jah, °mächtig über uns – wer wird bestehen?
      Bei dir ist Vergebung,
      dass dir mit °Ehrfurcht begegnet werde.
      Ich hoffe, Ewiger, °alles in mir hofft,
      nach seinem Wort strecke ich mich aus.
      Ich °sehne mich nach dir, °mächtig über uns,
      mehr noch als die Wachende nach dem Morgen,
      Wachende nach dem Morgen.
      Streck dich aus, Israel, zum Ewigen!
      Beim Ewigen ist °Gnade, Erlösung in Fülle bei ihm.
      Er wird Israel lösen aus aller Schuld.
    in der kopfleiste sind als weitere vorschläge neben „ewiger“ folgende namen aufgelistet: „der Ewige – ha-Makom – Er Sie – der Lebendige – Gott – die Heilige“. und wieder sind bei den mit ° markierten wörtern die wörter aus dem ausgangstext angegeben, so z.b. für „gnade“ das wort „chesed“ etc.

    drei sachen fallen mir beim ersten durchsehen auf:
  • die bibel in gerechter sprache kann ein sehr anregendes arbeitsbuch sein.
  • die übersetzung wirkt – wahrscheinlich wegen der suche nach treffenden [aber nicht statisch festschreibenden] lösungen – poetisch.
  • der „verlinkte“ text gibt der übersetzung eine mehrdimensionale dynamik: der lineare text ist aufgebrochen und der leser muss seine erfahrung mit gott – z.b. wie rufe ich gott? - in das lesen und verstehen mit einbringen. in diesem sinne kann die „bibel in gerechter sprache“ die übersetzung für den postmodernen menschen genannt werden.
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    Donnerstag, 5. Oktober 2006
    lectio divina (1): lesen
    wir haben beim stillen feier- und feuerabend auch ein schriftgespräch gemacht, und mir ist dabei wieder die kostbarkeit der lectio divina als einer davon unterschiedenen weise der schriftbetrachtung aufgeleuchtet. mir ist die „stossrichtung“ der lectio divina erneut deutlich geworden.

    wir sind es ja gewohnt, über die schriften der bibel zu „diskutieren“, d.h. wir erwarten beim bibellesen gewöhnlich eine intellektuelle befriedigung oder eine uns erhellende erfahrung über den weg des reflektierens. die lectio divina hingegen will uns zum schweigenden verweilen bei gott führen. lectio (lesen) – meditatio/ruminatio (wiederkäuen) – oratio (beten) – contemplatio (schauen): das sind die vier elemente der lectio divina und darüber lässt sich gut eine serie starten. ich glaube sogar, dass die einzelnen elemente eigene klärende worte gut gebrauchen könnten und als übungen auch für sich selbst stehen können. heute also das lesen.

    lesen meint im kontext der lectio divina nicht bloss ein stummes lesen mit den augen. man muss sich klar machen, dass lesen in ältesten kulturen immer vorlesen meint, d.h. man liest immer laut vor. dazu gibt es ein erhellenden hinweis von augustinus:
      „Jedes Wort tönt. Wenn es nämlich in Schriftform vorliegt, ist es kein Wort [sic!], sondern das Zeichen für ein Wort. Daher erscheint, sobald der Leser auf die Buchstaben schaut, dem Geist/Verstand das, was sich stimmlich Ausdruck verschafft.“ (De dialectica V, 11)
    das bedeutet: nicht die blossen schriftzeichen sind schon die worte, sondern sie sind es erst, wenn man sie ausspricht und zum klingen bringt. durch das tönen lassen „reaktiviert“ man die durch die schriftzeichen konservierten worte. (und nicht schon etwa durch das drüber fahren mit den augen.)

    wie oft ist es so, dass man während man (mit den augen) liest, man schon anfängt zu „denken“: an eine interpretation, an eine erklärung, an irgendetwas „schlaues“, was man dazu sagen könnte. wie kann man es schaffen, wenn man liest, wirklich nur zu lesen? wenn man nicht nur mit den augen liest, sondern auch mit mund, also immer vorliest, kann das unsere aufmerksamkeit bündeln, so dass wir nicht gleich mit unseren gedanken sonst wo hin flitzen. ausserdem wird es unser bedürfnis nach zu schnellem verstehenwollen verlangsamen.
      übung 1:
    1. wenn du aus der schrift lesen willst, tu es laut. lies dir langsam vor.
    2. auch gerne ein oder zwei mal. ertrag deine ungeduld. auch wenn dir ein ausschnitt aus der schrift begegnet (auf einer kitschigen kawohl-postkarte, auf einem grabstein ...), lies ihn, wenn du lesen willst, mit dem mund vor. sei überzeugt, dass das potenzial eines wortes nur vollständig ausgeschöpft wird, wenn es tönt.
    3. enthalte dich ausnahmsweise schlauer gedanken und meinungen über den text.
    4. lass das zum tönen bringen der schriftworte dir genug sein. ertrag das ausbleiben geistlicher erhellungen.
    weiteres:
    • eine kurze darstellung des verlaufs der lectio divina findet man im netz hier: lectio divina.
    • eine gute einführung auf papier ist: edgar friedmann osb, die bibel beten (münsterschwarzacher kleinschriftten 88).
    • ein sehr schöner aufsatz zum verhältnis schriftzeichen und tönender rede.

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