Freitag, 23. März 2007
gathas
eine gatha ist in der buddhistischen tradition ein kurzer spruch, der einer handlung vorausgeht und deine aufmerksamkeit zu dem geschehen ruft, das sich gleich ereignen soll. zum beispiel bevor man den telephonhörer abnimmt:
    Worte können Tausende von Kilometern reisen.
    Mögen meine Worte gegenseitiges Verständnis und Liebe bewirken.
    Mögen sie so schön sein wie Juwelen,
    so wundervoll wie Blumen.

    [Thich Nhat Hanh, Das Herz von Buddhas Lehre, S. 94]
gestern fiel mir auf, dass ich selbst so etwas kenne. in der zeit als ich noch orgel gespielt habe, sagte ich auch eine „gatha“, bevor ich den orgelmotor anschaltete. ich sagte nämlich:
    der wind weht, wo er will.
    du hörst sein brausen,
    weisst aber nicht, woher er kommt und wohin er geht.

    [joh 3]
und dann drückte ich auf den einschaltknopf und hörte die luftbewegung vom orgelmotor. und dann fing ich an zu üben. oder mir fällt auch ein, dass wir in der sakristei ein büchlein haben, wo schriftsprüche drin stehen, die man beim anlegen der liturgischen gewänder sagt: beim halsschultertuch, bei der albe, beim zingulum, bei der stola. oder dann gibt es auch den vers „herr, öffne meine lippen – damit mein mund dein lob verkünde.“, mit dem wir unser psalmengebet am morgen beginnen. das sind sozusagen christliche gathas.

eine eher allgemein gehaltene christliche gatha wäre wohl der satz „im namen des vaters und des sohnes und des heiligen geistes.“ aber dieser „spruch“ spricht nicht konkret an, zu was für einem ereignis unsere aufmerksamkeit aufgerufen wird. und das scheint mir die absicht von gathas zu sein: einen wach zu machen für das, was man eigentlich gerade tut, um ganz bei dieser einen sache zu sein, die gerade geschieht.

wer weiss, vielleicht entdecken wir in der eigenen tradition noch mehr solcher gathas. und noch spannender wäre es, wenn solche gathas sich auf alltägliche handlungen beziehen würden, damit wir nicht nur in „sonder-“zeiten (gottesdienst, gebetszeit etc.) üben, aufmerksam dort zu sein, wo wir gerade sind, sondern auch im alltag.

eine auswahl von gathas von thich nhat hanh bei riversangha.org.

[lese gerade mit interesse über den buddhismus – einfach so. eine gute einführung scheint mir oben genanntes buch von thich nhat hanh zu sein, in welchem deutlich wird, dass es sich beim buddhismus um einen übungs- und erfahrungsweg handelt und nicht um gedankenkonzepte.]

noch 16 tage bis ostern.

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