Donnerstag, 12. Oktober 2006
was würdest du als erstes in der bibel in gerechter sprache aufschlagen?
ich hab zuerst gedacht, ich würde einen psalm aufschlagen. aber dem war gar nicht so. das erste, was ich aufgeschlagen habe, waren die seligpreisungen. ich weiss nicht – wahrscheinlich denke ich, dass die seligpreisungen das herz des evangeliums sind. (früher als wir noch evangeliKAL waren, mochten wir das ja nicht so, weil wir immer fanden, dass auch nichtchristen die seligpreisungen gut finden können. von jesus als dem lehrer hielten wir früher nicht so viel ...) jedenfalls – ja, die seligpreisungen, hier, in der übersetzung der bibel in gerechter sprache:
    Jesus sah die Volksmenge an und stieg auf den Berg. Als er sich hingesetzt hatte, kamen seine Jüngerinnen (629) und Jünger zu ihm. Und er begann feierlich zu reden und lehrte sie: „Selig sind die Armen, denen sogar das °Gottvertrauen genommen wurde (630), denn ihnen gehört °Gottes Welt. Selig sind die Trauernden, denn sie werden getröstet weden. Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben. Selig sind die, die nach °Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden satt werden. Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erfahren. Selig sind die, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott sehen. Selig sind die, die für den Frieden arbeiten, denn sie weden °Töchter und Söhne Gottes heißen. Selig sind die, die verfolgt werden, weil sie die °Gerechtigkeit lieben, denn ihnen gehört Gottes Welt. Selig seid ihr, wenn sie euch um meinetwillen beschimpfen, verfolgen und böse Lügen über euch verbreiten. Freut euch und singt laut, weil euer Lohn bei Gott groß ist.“
dabei weisen die ziffern in runden klammern auf anmerkungen hin, die in einem anhang zu finden sind. bei den wörtern, die mit ° markiert sind, findet man am rand das wort, das im ausgangstext zu finden ist. bei „°gottvertrauen“ also „pneuma“, bei „°gottes welt“ also „basileia“ etc. oder bei der stelle „töchter und söhne“ eben „hyios“, so dass deutlich wird, dass im ausgangstext eigentlich „söhne“ steht. ausserdem werden diese worte in einem glossar im anhang ausführlich kommentiert. eine schöne idee. so macht der text der bibel in gerechter sprache also transparent, was die übersetzer/innen gemacht haben. und aus einem linearen text wird fast so etwas wie ein verlinkter text.

letzteres wird übrigens im hebräischen teil der bibel auch darin deutlich, dass dort, wo der gottesname steht, im text selbst ein vorschlag für die übersetzung grau unterlegt ist und in der kopfzeile der seite eine leiste mit weiteren vorschlägen zu sehen ist. hier z.b. psalm 130 (hier ist statt der grauen hinterlegung eine unterstreichung):
    Ein Wallfahrtslied.
    Aus Tiefen rufe ich dich, Ewiger,
    °mächtig über uns, hör auf meine Stimme!
    Aufmerksam seien deine Ohren für die Stimme meines Flehens.
    Beharrst du auf der °Schuld,
    °Jah, °mächtig über uns – wer wird bestehen?
    Bei dir ist Vergebung,
    dass dir mit °Ehrfurcht begegnet werde.
    Ich hoffe, Ewiger, °alles in mir hofft,
    nach seinem Wort strecke ich mich aus.
    Ich °sehne mich nach dir, °mächtig über uns,
    mehr noch als die Wachende nach dem Morgen,
    Wachende nach dem Morgen.
    Streck dich aus, Israel, zum Ewigen!
    Beim Ewigen ist °Gnade, Erlösung in Fülle bei ihm.
    Er wird Israel lösen aus aller Schuld.
in der kopfleiste sind als weitere vorschläge neben „ewiger“ folgende namen aufgelistet: „der Ewige – ha-Makom – Er Sie – der Lebendige – Gott – die Heilige“. und wieder sind bei den mit ° markierten wörtern die wörter aus dem ausgangstext angegeben, so z.b. für „gnade“ das wort „chesed“ etc.

drei sachen fallen mir beim ersten durchsehen auf:
  • die bibel in gerechter sprache kann ein sehr anregendes arbeitsbuch sein.
  • die übersetzung wirkt – wahrscheinlich wegen der suche nach treffenden [aber nicht statisch festschreibenden] lösungen – poetisch.
  • der „verlinkte“ text gibt der übersetzung eine mehrdimensionale dynamik: der lineare text ist aufgebrochen und der leser muss seine erfahrung mit gott – z.b. wie rufe ich gott? - in das lesen und verstehen mit einbringen. in diesem sinne kann die „bibel in gerechter sprache“ die übersetzung für den postmodernen menschen genannt werden.
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