Dienstag, 24. Oktober 2006
was an der bibel in gerechter sprache wirklich besonders ist
1.
nicht die prophetinnen, jüngerinnen und phariäerinnen sind die besonderheiten der übersetzung der bibel in gerechter sprache, sondern die vorgelegte offenheit der übersetzung, die ich schon vor zwei wochen angesprochen habe. dies möchte ich heute noch einmal unterstreichen.

2.
was einige noch nicht zu verstehen scheinen, ist dass diese übersetzung nicht mehr wie andere übersetzungen dem leser/hörer vorsetzt, was er z.b. unter „basileia“ verstehen soll. es wird ihm in einem glossar auseinandergesetzt, was alles in das bedeutungsfeld gehört. und so wird der leser ermächtigt, die elemente, die zu einem „verstehen“ des textes beitragen, selber zusammen zu bauen.

3.
wir reiben uns die augen und kneifen uns die ohren, denn durch dieses übersetzungsprojekt wird wie in keinem anderen deutlich: das verstehen der schrift findet im aufgerissenen raum zwischen der schrift (bzw. ihrer übersetzung) und der eigenen person statt. und erst dieser aufgerissene „zwischenraum“ macht die schrift für unser leben lebendig und wirkmächtig.

4.
die übersetzungen einzelner bücher liegen in der verantwortung verschiedener übersetzterinnen und übersetzer. auf eine angleichung zwischen den büchern wurde verzichtet. (so zieht z.b. die übersetzerin des matthäusevangeliums für „basileia“ die übersetzung „gottes welt“ - aber auch nicht immer - vor, während in der übersetzung des markusevangeliums dafür gerne „gottesherrschaft“ - aber auch nicht imer - gewählt wurde.) der vielstimmigkeit der biblischen bücher wurde damit rechnung getragen. während man bei einer lutherübersetzung doch gleich den eindruck haben muss: alles ist aus einem guss. (und das kann uns dann wiederum sehr schnell darin täuschen, dass die biblische botschaft auch aus einem guss sei.)

5.
ich will nicht verschweigen, dass es durchaus irritationen gab beim lesen. bei den psalmen „funktioniert“ das sehr gut, was versucht wurde. vielleicht liegt es daran, dass es einfach poetische texte sind. als solche vertragen sie ganz gut „experimentelle versuche“. bei den briefen – tja, da kann man wohl nicht so viel falsch machen, oder? aber bei den evangelien ist es wirklich eine herausforderung. warum? weil die darin enthaltenen „szenischen bilder“ in unserer vorstellung plötzlich mit neuen – in diesem falle tatsächlich – akteurinnen „bestückt“ werden muss. auftritt: jüngerinnen und apostelinnen.

6.
niemand hat behauptet, dieses übersetzungsprojekt sei abgeschlossen. frank crüsemann, mitherausgeber, sagte in einem interview (im aktuellen publik-forum, nr. 20, p. 7):
    “Wir sind uns bewusst, dass unsere Übersetzungsarbeit zeitgebunden ist. Im Grunde genommen müssten wir mit dem Übersetzen jetzt, wo wir fertig sind, gleich von vorn anfangen. (...) Das ist ein nie endender Prozess. Im Grunde darf man die Übersetzungsarbeit an der Bibel nicht für beendet erklären, denn das Leben und die Sprache entwickeln sich fortlaufend.“
genau.

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