Samstag, 21. Oktober 2006
lectio divina (3): ruminatio: wie klingt es? wie schmeckt es?
die übersetzung der bibel in gerechter sprache kann sehr leicht kontrovers diskutiert werden, wenn man kategorien von richtig oder falsch ansetzen will. vielleicht ist aber die eigentliche frage: wie klingt es? bzw. wie schmeckt es (mir)? dieser frage wird in der lectio divina in der phase der ruminatio nachgegangen:

die zweite phase der lectio divina wird häufig meditatio genannt. es ist aber hilfreicher von der ruminatio, vom wiederkäuen zu sprechen. meditatio, betrachtung, bedeutet, einen gegenstand hin und her wenden, um ihn von verschiedenen seiten anzugucken und eben zu betrachten. wenn man das so sagt, bleiben wir in unserer gewohnheit, die schrift mit unseren verstandesmässigen fähigkeiten zu traktieren. die einladung der lectio divina ist jedoch, als werkzeug nicht unseren geist zu verwenden, der mental den betrachtungsgegenstand scannen, von allen seiten abtasten und beleuchten soll, sondern unseren mund, der die worte schmecken und geniessen will.

man muss es sich so vorstellen, dass man, wenn man sich selbst vorgelesen hat, vielleicht sogar zwei- bis dreimal, möglicherweise an einem wort oder an einem satz hängenbleibt. in der phase der ruminatio erlaubt man sich, bei diesem fragment zu verweilen. und zwar nicht vornehmlich mit unserem geist, sondern mit dem laut werden lassen der worte. dies bedeutet konkret: die wörter, die einen auf irgendeine weise angesprochen haben, nimmt man immer und immer wieder in den mund. man spricht es mal so aus, mal anders. wie muss es eigentlich ausgesprochen werden? dies findet man nur heraus, indem man es ausprobiert. so wird auch unser hören am prozess der ruminatio beteiligt. sprechen und hören – anstatt nachdenken und grübeln. so entfaltet sich das aroma der worte.
    übung 3:
  1. beginne mit dem lauten vorlesen eines abschnittes aus der schrift, wie unten erläutet.
  2. wenn dir ein wort oder ein satz aufgefallen ist, nimm es in den mund. benutze nicht deinen geist, sondern deinen mund (und höre dir dabei zu), um das wort hin und her zu wenden. sei achtsam auf den moment, wo dieses wiederkäuen verebbt und lass dann gut sein.
  3. frage dich nicht, ob es dir etwas gebracht hat, oder nicht. geh einfach zu den aufgaben des tages über.
lectio divina (1): lesen
lectio divina (2): heiser?

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