Donnerstag, 5. Oktober 2006
lectio divina (1): lesen
refugium, 20:07h
wir haben beim stillen feier- und feuerabend auch ein schriftgespräch gemacht, und mir ist dabei wieder die kostbarkeit der lectio divina als einer davon unterschiedenen weise der schriftbetrachtung aufgeleuchtet. mir ist die „stossrichtung“ der lectio divina erneut deutlich geworden.
wir sind es ja gewohnt, über die schriften der bibel zu „diskutieren“, d.h. wir erwarten beim bibellesen gewöhnlich eine intellektuelle befriedigung oder eine uns erhellende erfahrung über den weg des reflektierens. die lectio divina hingegen will uns zum schweigenden verweilen bei gott führen. lectio (lesen) – meditatio/ruminatio (wiederkäuen) – oratio (beten) – contemplatio (schauen): das sind die vier elemente der lectio divina und darüber lässt sich gut eine serie starten. ich glaube sogar, dass die einzelnen elemente eigene klärende worte gut gebrauchen könnten und als übungen auch für sich selbst stehen können. heute also das lesen.
lesen meint im kontext der lectio divina nicht bloss ein stummes lesen mit den augen. man muss sich klar machen, dass lesen in ältesten kulturen immer vorlesen meint, d.h. man liest immer laut vor. dazu gibt es ein erhellenden hinweis von augustinus:
wie oft ist es so, dass man während man (mit den augen) liest, man schon anfängt zu „denken“: an eine interpretation, an eine erklärung, an irgendetwas „schlaues“, was man dazu sagen könnte. wie kann man es schaffen, wenn man liest, wirklich nur zu lesen? wenn man nicht nur mit den augen liest, sondern auch mit mund, also immer vorliest, kann das unsere aufmerksamkeit bündeln, so dass wir nicht gleich mit unseren gedanken sonst wo hin flitzen. ausserdem wird es unser bedürfnis nach zu schnellem verstehenwollen verlangsamen.
wir sind es ja gewohnt, über die schriften der bibel zu „diskutieren“, d.h. wir erwarten beim bibellesen gewöhnlich eine intellektuelle befriedigung oder eine uns erhellende erfahrung über den weg des reflektierens. die lectio divina hingegen will uns zum schweigenden verweilen bei gott führen. lectio (lesen) – meditatio/ruminatio (wiederkäuen) – oratio (beten) – contemplatio (schauen): das sind die vier elemente der lectio divina und darüber lässt sich gut eine serie starten. ich glaube sogar, dass die einzelnen elemente eigene klärende worte gut gebrauchen könnten und als übungen auch für sich selbst stehen können. heute also das lesen.
lesen meint im kontext der lectio divina nicht bloss ein stummes lesen mit den augen. man muss sich klar machen, dass lesen in ältesten kulturen immer vorlesen meint, d.h. man liest immer laut vor. dazu gibt es ein erhellenden hinweis von augustinus:
- „Jedes Wort tönt. Wenn es nämlich in Schriftform vorliegt, ist es kein Wort [sic!], sondern das Zeichen für ein Wort. Daher erscheint, sobald der Leser auf die Buchstaben schaut, dem Geist/Verstand das, was sich stimmlich Ausdruck verschafft.“ (De dialectica V, 11)
wie oft ist es so, dass man während man (mit den augen) liest, man schon anfängt zu „denken“: an eine interpretation, an eine erklärung, an irgendetwas „schlaues“, was man dazu sagen könnte. wie kann man es schaffen, wenn man liest, wirklich nur zu lesen? wenn man nicht nur mit den augen liest, sondern auch mit mund, also immer vorliest, kann das unsere aufmerksamkeit bündeln, so dass wir nicht gleich mit unseren gedanken sonst wo hin flitzen. ausserdem wird es unser bedürfnis nach zu schnellem verstehenwollen verlangsamen.
- übung 1:
- wenn du aus der schrift lesen willst, tu es laut. lies dir langsam vor. auch gerne ein oder zwei mal. ertrag deine ungeduld. auch wenn dir ein ausschnitt aus der schrift begegnet (auf einer kitschigen kawohl-postkarte, auf einem grabstein ...), lies ihn, wenn du lesen willst, mit dem mund vor. sei überzeugt, dass das potenzial eines wortes nur vollständig ausgeschöpft wird, wenn es tönt.
- enthalte dich ausnahmsweise schlauer gedanken und meinungen über den text. lass das zum tönen bringen der schriftworte dir genug sein. ertrag das ausbleiben geistlicher erhellungen.
- eine kurze darstellung des verlaufs der lectio divina findet man im netz hier: lectio divina.
- eine gute einführung auf papier ist: edgar friedmann osb, die bibel beten (münsterschwarzacher kleinschriftten 88).
- ein sehr schöner aufsatz zum verhältnis schriftzeichen und tönender rede.
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